Was Tradition und Kommerz verbindet


Rapid Wien, Borussia Dortmund, Manchester United, FC Barcelona, AS Rom - was kommt vielen Fans da als erstes Schlagwort in den Sinn? Richtig: "Tradition". Und wenn man an Clubs wie Red Bull Salzburg, die TSG Hoffenheim, Paris St. Germain oder den FC Chelsea denkt? Vielfach fällt dann der Begriff "Kommerz". Aber lässt sich das so einfach definieren? Gibt es nur dieses schwarz und weiß? Oder besteht da auch noch ein "Graubereich" dazwischen? Und nach welchen Maßstäben wird bestimmt, ob ein Team als Traditionsverein gilt? Diesem kontroversen Thema widme ich mich in meinem zweiten Blogbeitrag.

 

Tradition als Auslegungssache

 

Aber was ist Tradition überhaupt? Schlägt man im Duden nach, dann definiert sich Tradition wie folgt: 

  1. etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat]

Auf einen Fußballclub übertragen könnte man also sagen, dass ein Verein jedenfalls eine gewisse Anzahl an Jahren bestehen muss, um sich überhaupt diesem "erlauchten Kreis" zugehörig fühlen zu dürfen. Der Kollege Christoph Biermann bringt es in einem Interview mit fussball.de auf den Punkt: "Im Fußball ist es wichtig, dass Vereine eine Geschichte erzählen. Da ist es natürlich besonders hilfreich, wenn man eine Menge Stoff hat."

 

Ich erachte dieses Attribut als jenen neuralgischen Punkt, der über "Sein oder nicht Sein" entscheidet. Viele werfen ja (Werks-) Vereinen wie Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg (VW) oder dem FC Sochaux (bis 2015 Peugeot) vor, nicht die Ansprüche an einen Traditionsverein zu erfüllen. Der Vorwurf richtet sich dahingehend, als dass Teams, hinter denen große Konzerne stehen, doch auch nur "Kommerzclubs" seien. Als Vergleichsbeispiele werden dann häufig die TSG Hoffenheim, Red Bull Leipzig oder Red Bull Salzburg genannt, die aber eine wesentlich kürzere (Konzern-) Historie haben.

 

Nun, nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Denn was mag man etwa Leverkusen groß vorwerfen? Der Club wurde 1904 von Arbeitern der Firma Bayer als Werkssportverein gegründet und wird seither vom Pharmakonzern finanziert. Aus dieser stringenten Symbiose einen Vorwurf zu konstruieren wäre eine schlichte Themenverfehlung. Zudem muss man sich bei Clubs wie Wolfsburg oder Leverkusen keine allzu großen Sorgen machen, dass die Unterstützung durch die Konzerne aufgrund der jahrzehntelangen, erfolgreichen Zusammenarbeit über Nacht eingestellt wird. Nicht zuletzt gehört das dann ja auch irgendwie zur Marke, denn wer an Wolfsburg denkt, der denkt automatisch auch an VW. Ein weiterer Vorwurf, der von Kritikern gerne in den Diskurs geführt wird, ist jener, dass diese Vereine häufig ein (viel) geringeres Zuschaueraufkommen haben. Das stimmt grundsätzlich und hat vor allem damit zu tun, dass es dort keine natürlich gewachsene Identifikation seitens der Menschen in diesen Städten mit dem Verein gibt. Der Zulauf dort hat sich lange Zeit größtenteils aus den Angestellten der jeweiligen Konzerne generiert. Sind diese Clubs nun Traditionsclubs oder nicht? Dies beurteilt jeder in seiner subjektiven Sicht ein wenig anders. Man sieht also: Tradition ist (auch) eine Frage der Wahrnehmung.

 

Der Wandel hin zur "modernen Tradition"

 

Ich bin der Meinung, dass es im heutigen Fußball keine "klassischen" Traditionsclubs mehr gibt. Wir leben in einer Zeit, wo sich Tradition und Kommerz verbinden können, ja verbinden müssen. Fußball ist zu einem unglaublichen Geschäft geworden, bei dem der Sport nur noch ein Teil des großen Ganzen ist. Und ich sehe darin keinen Widerspruch, denn Kommerzialisierung bedeutet ja nicht, die eigene Identität aufzugeben. Deshalb sehe ich einen Club wie Leverkusen um nichts weniger als Traditionsverein an als beispielsweise den FC Liverpool. Die "Reds" werden in aller Welt als Verein mit großer Tradition wahrgenommen. Doch steht auch dort hinter dem Club aus dem Nordwesten Englands mit der "Fenway Sports Group" rund um TV-Produzent Tom Werner (Bill Cosby-Show, Roseanne) ein großer Investor (wie bei so vielen englischen Teams). Von irgendwo muss das Geld ja kommen, so banal das auch in mancher Ohr klingen mag. Das Hütteldorfer Allianz-Stadion wird seinen Namen auch nicht aus schierer Solidarität gegenüber dem Versicherungsunternehmen tragen.

 

Ich denke, man kann diese Entwicklung hin zu einer Koalition von Kommerz und Tradition unter dem Begriff "moderne Tradition" ganz gut zusammenfassen. Diese beiden Inhalte bedeuten keinen zwangsweisen Widerspruch und tun dem Fußball kein Übel. Vielmehr verursachen dies jene, die den Sport als Instrument missbrauchen. Ein Investor, dem der Fußball aufrecht am Herzen liegt, wird diesem keinen vorsätzlichen Schaden zufügen. Leider aber gibt es von der FIFA abwärts von ersteren inflationär viele und von letzteren nur eine Hand voll.

Ohne Geld ka Musi

 

Dass man Tradition und Kommerz in annehmbarem Rahmen verbinden kann, beweist Bayern München. Der deutsche Rekordmeister hat die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und potente Geldgeber wie Allianz, Adidas oder Telekom langfristig an den Verein gebunden. Gepaart mit einer vernünftigen sportlichen Führung zählen die Bayern seit gut 20 Jahren zur internationalen Spitze.  Rummenigge, Hoeneß & Co haben bereits damals ausgemacht, dass man sich langfristig von einer glorreichen Vergangenheit nichts kaufen kann. Wer zur Elite gehören will, braucht das nötige Kleingeld. Die legendären Mitgliederversammlungen der Münchener beweisen aber, dass die Einbindung der Fans deswegen nicht beschnitten oder gar getilgt werden muss.  Die Bayern sind in diesem Zusammenhang wegweisend und geben beiden Bereichen die adäquate Gewichtung.

 

SPOX hat dem Thema Fußball und Sponsoring vor einiger Zeit einen sehr ausführlichen Artikel gewidmet, den ich euch als diesbezügliche Zusammenfassung ans Herz legen kann.

 

Der Traum vom "Fanverein"

 

Wer den englischen Fußball aufmerksam verfolgt, dem wird das beinahe hollywoodreife Märchen rund um den FC Portsmouth ein Begriff sein. Im Jahr 2013 übernahmen die Fans selbst mithilfe eines aus Privatspenden finanzierten Fonds den gebeutelten und im Konkurs befindlichen Club, der zu diesem Zeitpunkt nur noch in der vierten Liga spielte. Die Zwangsverwaltung wurde kurz darauf durch die Liga aufgehoben. Der todkranke Patient sprach auf die gewählte Therapie an und begann sich zu erholen. Doch auch diese romantische Story nahm im Sommer 2017 eine Abtrift. Der Vorstand (dem zu jenem Zeitpunkt auch Ex-ÖFB-Teamspieler Johnny Ertl angehörte) verkaufte den Verein an den früheren Disney-Chef Michael Eisner, um sich langfristig wieder in Richtung Premier League orientieren zu können.

 

Profifußball ohne Geld durch große Konzerne oder Investoren  - ja, das geht. Bis zu einem gewissen Punkt. Doch will man im Konzert der ganz Großen mitspielen, kommt man um den viel gescholtenen Kommerz nicht herum. Der Tradition muss das aber keinen Abbruch tun, wenn man bestrebt ist, die Nähe zu den Fans zu wahren. Traditionsvereine, die diesen Spagat schaffen, können auch weiterhin oben mitmischen.

 

Kurz gesagt: Tradition ist die Kunst, die eigene Geschichte zur Marke zu machen.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer,

René Mersol

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