Der Einwurf - eine unterschätzte Standardsituation?

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Kennt ihr Thomas Gronnemark? Nein? Er ist Teil des Trainerstabes von Jürgen Klopp beim FC Liverpool. Aber nicht etwa als Co-, Technik-, Individual- oder Torwarttrainer. Nein, Gronnemark ist "Einwurftrainer" bei den Reds und amtierender Weltrekordhalter. Im Rahmen meines ersten Blogbeitrags - was könnte besser passen - möchte ich diesen Trend aufgreifen.

 

Der Einwurf im Wandel

 

Ein Drittel aller Tore fällt heute nach Standards. Da macht es freilich Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, wie man diese Quote noch weiter steigern könnte. Eine mögliche Lösung fanden innovative Trainerköpfe vor einigen Jahren, indem sie eine "neue" Standardsituation "erfanden" - den Einwurf. 

 

Rein regeltechnisch gilt der Einwurf seit jeher als Standardsituation. Doch bis vor kurzem befand er sich in der Wahrnehmung von Trainern, Spielern und Fans nicht auf der selben Ebene wie Freistöße oder Eckbälle. Dabei kann er gerade im letzten Drittel ein Waffe sein.

 

Das hatte man früher so nicht auf dem Zettel, Einwürfe wurden eher als "Spielfortsetzungsinstrument", ähnlich wie Abstöße oder Schiedsrichterbälle angesehen. Dass man Einwürfe so trainieren kann, dass sie für das eigene Team tatsächlich eine Waffe darstellen, daran dachte lange niemand. Erst in den letzten zehn Jahren entstand nach und nach der Trend dazu, den Einwurf als zusätzliche Option zu nutzen. Mit Sargon Duran, Betreiber der Plattform Taktikanalyse, gibt es auch einen Einwurftrainer aus Österreich, der erste seiner Zunft in unserer Alpenrepublik. "Ich denke, dass viele den Einwurf eher als lästige Nebensache beim Fußball sehen, die einfach dazugehört, um schnell den Ball wieder ins Spiel bringen zu können. Der Ball befindet sich außerhalb des Spielfeldes und gehört in das Feld rein, damit dann wieder mit dem Fuß gespielt werden kann", beschreibt der Co-Trainer des SC Wiener Neustadt seine Wahrnehmung.

 

 

"Die Einwürfe sind in jedem Drittel sehr interessant"

 

Wie kann der Einwurf nun aber tatsächlich gewinnbringend eingesetzt werden? Wer die WM im vergangenen Jahr aufmerksam verfolgt hat, der wird davon Notiz genommen haben, wie sehr manche Teams - allen voran Island - ihre Einwürfe speziell im letzten Drittel mit Erfolg genützt haben. Doch nicht nur in diesem Teil des Spielfeldes kann der Einwurf gezielt eingesetzt werden. "Die Einwürfe sind in jedem Drittel sehr interessant", so Duran. Im ersten Drittel "stellt dich der Gegner zu und versucht durch ein ballorientiertes Verschieben Überzahl zu schaffen um somit den Ball zu erobern", hier könne man "mit einem weiten Einwurf zum Beispiel das Pressing des Gegners überwerfen und sich somit von dieser Situation lösen", erklärt der 31-Jährige.

 

Viele würden auch situativ immer wieder vergessen, dass es bei einem Einwurf kein Abseits gibt. Speziell im mittleren Drittel ein Vorteil: "Im mittleren Drittel kannst du, wenn du schnell entlang der Linie hinter die Abwehr wirfst und du das mit dem Stürmer beziehungsweise dem offensiven Mittelfeldspieler trainiert und abgesprochen hast, viele Gegner überraschen und so gefährlich werden."

 

Im vordersten Drittel kann der Einwurf aber seine größte Wirkung entfalten. Nicht zuletzt bei der bereits angesprochenen WM 2018 war deutlich zu erkennen, dass ein guter, weiter Einwurf genauso gefährlich sein kann wie eine gut getretene Flanke oder ein präziser Eckball. Dazu braucht es laut Duran "die richtige Einwurftechnik und danach harte Arbeit! Es gibt ein paar Punkte, die man beim Einwerfen beachten sollte, um das Maximum herauszuholen. Wenn man diese Punkte kennt und beherrscht ist es dann wie bei allem: danach folgt die harte Arbeit um sich ständig zu verbessern und weiterzuentwickeln." Die Freunde von Spielverlagerung haben diesem Thema im Übrigen bereits im Jahr 2012 einen sehr lesenswerten Artikel gewidmet.

 

Eine neue "Wunderwaffe"?

 

Welchen Stellenwert der Einwurf im Profifußball tatsächlich hat und wie hoch dieser in den nächsten Jahren noch werden kann, dazu lässt sich (noch) keine eindeutige Aussage treffen. Sargon Duran hebt jedoch die steigende Bedeutung hervor: "Ich denke, dass der Einfluss des Einwurfes immer größer wird, da im Fußball mehr und mehr die Kleinigkeiten entscheiden. Und wenn du dir mit dem Einwurf einen weiteren Wettbewerbsvorteil verschaffen kannst, warum nicht? Ich bin überzeugt davon, dass der Einwurf in Zukunft als Teil der Standardsituationen mindestens eine Gewichtung wie Eckbälle oder Freistöße erhalten wird."

 

Mit Robert Weinstabl vom SKU Ertl Glas Amstetten schlägt auch ein heimischer Chefcoach in diese Kerbe: "Ein Einwurf ist eine Standardsituation und ich denke gerade die WM in Russland hat gezeigt wie wichtig Standardsituationen sind. Vor allem auf Topniveau, wo oftmals Kleinigkeiten entscheiden." Der Einwurf habe "bisher einen leider noch zu geringen" Einfluss auf die Arbeit der Trainerzunft, es werde aber "immer wichtiger detaillierte Lösungen auszuarbeiten, vor allem weil in Zeiten wie diesen der Gegner im Prinzip alles über dich weiß. Insofern wird auch der Stellenwert der Einwürfe immer größer." Weinstabl erachtet es auch als sinnvoll "situativ einen expliziten Einwurftrainer ins Training einzubinden". Durch die abgelaufene Herbstsaison mit seinem Team wurde dies bestätigt: "Vor allem durch weite Einwürfe im Angriffsdrittel konnten wir uns dieses Jahr nicht nur die eine oder andere Chance erarbeiten, sondern auch Tore erzielen. Insofern ist es ein sehr gutes Mittel zum Zweck", so der gebürtige Eisenstädter abschließend.

 

Die Zukunft des Einwurfes

 

Wie Weinstabl und Duran bereits angedeutet haben, wird die Bedeutung des Einwurfs weiter wachsen, davon kann man in einer Zeit, wo Details über Sieg oder Niederlage entscheiden, ausgehen. Eine eigentlich auf der Hand liegende Tatsache, die von Spielern und Trainern aufgrund ihrer Selbstverständlichkeit oftmals gar nicht mehr wahrgenommen wird, ist jene, dass Einwürfe weitaus einfacher herauszuholen sind als Ecken oder Freistöße. Alleine deswegen ist zu erwarten, dass wir über diese Form der Standardsituation in Zukunft mehr hören und lesen werden als bisher.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer,

René Mersol

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