Happel-Gate: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Bild: Wikimedia/Peter Gugerell/p.d.


Da ist sie wieder, die schier unendlich Diskussion ums Nationalstadion. Der Flutlichtausfall und das ominöse Loch im Mittelkreis des Ernst Happel-Stadions beim Spiel gegen Dänemark verliehen der Debatte neuen Schwung. Das alternde Rund in der Leopoldstadt strotzt mittlerweile vor Verschleißerscheinungen. Welche Alternativen stünden zur Verfügung und wie sollte der ÖFB seine zukünftige Vorgehensweise in der "Causa Stadion" anlegen? Diese und weitere Fragen beschäftigen derzeit die Nationalteam-Community. Eines steht so oder so fest: Eine Zukunft im altehrwürdigen Prater-Oval ist keine Perspektive.

 

Welch Fußballfeste haben wir im Wiener Ernst Happel-Stadion schon gefeiert, welch Sternstunden haben wir bereits erlebt. Unzählige nostalgische Erinnerungen der heimischen Fußballfans hängen an der mittlerweile 90-jährigen Betonburg. Sei es der Triple-Pack des Toni Polster gegen die DDR, die "Schweden-Bombe" von Andi Herzog oder der Elfmeter-Treffer in der Nachspielzeit von Ivica Vastic bei der EM 2008 - um nur die jüngere Geschichte kurz aufzugreifen. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Und sollte dennoch ihr Ende finden, ehe das weite Rund sein 100. Jubiläum begeht. Wenngleich, wie unabhängige Fachpersonen bescheinigen, das in der Partie gegen die Dänen entstandene Erdloch nicht auf den Zustand des Prater-Ovals zurückzuführen sei, so steht es doch sinnbildlich für das Stadion-Dilemma des ÖFB. 

 

Schon seit Jahren hört man vonseiten des Verbandes, wie auch aus der Politik, dass über eine Lösung nachgedacht, dass Pläne geschmiedet würden, wie ein neues Nationalstadion zu realisieren sei. Dauert jenes Nachdenken noch länger an, so wird das Happel-Rund früher oder später in sich zusammenfallen, ehe man mit einem Neubau beginnt. Apropos Neubau: Dies scheint, so man sich für ein neues Nationalstadion entscheidet, der einzige gangbare Weg zu sein. Denn eine Renovierung der Happel-Arena erscheint höchst unwirtschaftlich: Die Architektur ist veraltet, Sicherheitsstandards werden ob schmaler Gänge, zahlreicher Treppen und weiteren Stolpersteinen früher oder später kaum noch erfüllbar sein. Der Denkmalschutz tut sein Übriges. Was also tun?

 

Es ist Zeit, den Fans zuzuhören!

Zunächst wäre eine Beendigung des Stillstandes in der Stadionfrage schon ein großer Schritt vorwärts. Dann wären da zudem die nach wie vor zahlreichen rückwärtsgewandten Diskussionen, warum man denn bei der Renovierung der Arena anlässlich der EM 2008 nicht mehr Mühe (und mehr Geld) aufgewandt und die damaligen Chancen nicht besser genützt habe. Von alledem kann man grußlos Abstand nehmen. Sie bringen uns in der Frage nicht weiter. Hören wir auf, uns über die Vergangenheit Gedanken zu machen. Richten wir den Blick vorwärts und denken wir an die Zukunft. Natürlich: Das mit dem Denken an die Zukunft ist so eine Sache beim ÖFB. Das Altherren-Gremium an der Spitze hat sich in den letzten Jahren darin nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Immerhin merkte ÖFB-Boss Milletich anlässlich des "Happel-Gates" nun an, dass man dies als "Signal aufnehmen sollte, um zu überlegen, was man mit dem Stadion tut".

 

Wohin wollen wir? Was brauchen wir? Was ist möglich? Warum wollen wir das? Das sind jene Fragen, die man sich stellen sollte. Und mit "Wir" sind alle gemeint, die dies betrifft: die Verantwortlichen im ÖFB, die Politik, die Wirtschaft und Sponsoren sowie die Fans. Nicht zuletzt sie sollten daran teilhaben. Wer eine Lösung auf breiter Zustimmungsbasis will, der sollte auch alle Interessensgruppen einbinden. Speziell was das Fanlager betrifft, beschleicht einen das Gefühl, dass diese Gruppe nicht besonders ernst genommen wird. Doch sie sind es, welche dem ÖFB Jahr für Jahr durch Ticketkäufe, Konsumation im und um das Stadion sowie Merchandise ein sattes Sümmchen einbringen. Sie sind es, die für die Stimmung sorgen. Sie haben es verdient gehört zu werden, sind sie doch maßgeblich von der Thematik betroffen. Im VIP-Club des Happel-Ovals ist es ja durchaus auszuhalten. Dort, wo man sich um sein Bier nicht anstellen muss. Da denkt man womöglich an solche Probleme nicht. Eine Orientierung an den Bedürfnissen jener, die den Sport erst zu dem machen, was wir so lieben - das würde nicht nur ein solches Projekt als Ganzes aufwerten, sondern dem ÖFB (nach der Verpflichtung von Rangnick) weitere Sympathiepunkte einbringen. Da dürfen die Herren im Präsidium auch einmal ganz eigennützig denken. Wer will sich denn nicht (physisch wie emotional) ein Denkmal setzen? 

 

Meine lieben präsidialen Herren: Springen sie über ihren Schatten und haben sie ein offenes Ohr. Es wird ihnen nur nützen. Perestroika und Glasnost im ÖFB sozusagen. Erlauben sie mir, ihnen den Rat zu geben: Zuhören heißt verstehen. Und zwar frühzeitig und nicht erst, wenn die berühmte Kacke bereits am Dampfen ist.

 

Viele Möglichkeiten, keine Pläne

Bleibt noch die Frage nach Alternativen. Welche gäbe es? Ralf Rangnick hat es in der Pressekonferenz zum Frankreich-Spiel bereits angedeutet: Auch in seiner deutschen Heimat hat das DFB-Team keine fixe Heimstätte. Man vergibt Länderspiele an jene Austragungsorte, die anhand objektiver Maßstäbe am geeignetsten erscheinen. Jedenfalls versucht man das, wenngleich auch der deutsche Verband dabei nicht immer eine gute Figur macht. Das Prinzip dahinter jedoch ist es wert, darüber nachzudenken. Zudem brachte der Teamchef das Allianz-Stadion sowie die Generali-Arena ins Spiel. Schon beim Bau der Heimstätten von Rapid und Austria Wien wurde seitens der Clubs klargemacht: Länderspiele hier, nein danke. Warum das von der öffentlichen Hand, trotz gewährter finanzieller Unterstützung, so mehr oder minder widerspruchslos akzeptiert wurde, ist nochmals ein Thema für sich.

 

Seither haben sich die Umstände, speziell bei den Violetten, jedoch bedeutend verändert. Dort sitzt man (insbesondere durch jenen Bau bedingt) auf einem satten Schuldenberg, der das Schiff beinahe zum Kentern gebracht hätte. Ein paar Euros pro Jahr mehr würden der klammen Austria bestimmt gut zu Gesicht stehen. Und womöglich ließe man nun auch mit sich reden. Zumindest fragen kostet nichts. 

 

Darüber hinaus stehen in den EM-Städten Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt weitere geeignete Arenen, die (außer in Salzburg) nur selten in vollem Umfang genutzt werden. Zudem hätten es sich die Fans im Westen verdient, wieder häufiger das Team in ihrer Nähe auflaufen sehen zu dürfen. Und nicht zu vergessen: In Linz wird derzeit neu gebaut. Im neuen Schmuckkästchen des LASK soll ab 2023 (so der Plan nun hält) der Ball rollen. Ein Länderspiel in einer neuen, modernen Arena macht immer ein schlankes Bein. 

 

Aus all diesen erwähnten Möglichkeiten und Angeboten ließe sich ein gutes, rundes Konzept formulieren, mit dem man nach und nach alle Beteiligten mit ins Boot holen könnte. Reden wir miteinander, hören wir zu, anstatt übereinander und aneinander vorbeizureden. Es gibt da draußen viele Menschen mit vielen guten Ideen. Es lohnt sich, ihnen eine Plattform zu geben.

 

Zeit, dass sich was dreht

Unter dem Strich lässt sich also sagen, dass es durchaus Möglichkeiten gäbe, der schwelenden Thematik zu begegnen und die Herausforderung zumindest kurzfristig einigermaßen gut zu lösen. Stattdessen kapriziert man sich, so scheint es, im ÖFB sehr stark darauf, ein neues Nationalstadion zu errichten. Doch auch andere Möglichkeiten verdienen es, ernsthafter in Betracht gezogen zu werden. Was, wann und wie am Ende eine fertige Idee umgesetzt wird, steht freilich nochmals auf einem anderen Blatt Papier. Doch genau darum geht es: Man muss dieses nach wie vor weiße Blatt endlich beginnen zu füllen. Wann, wenn nicht jetzt? Es wäre nur folgerichtig, den von Milletich angesprochenen Schwung zu nutzen. Doch ein fertiges Konzept, um überhaupt einmal etwas in der Hand zu haben, mit dem man die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft begeistern kann, scheint es beim Verband bisher nicht zu geben. Am wichtigsten wäre es jedoch - wie beschrieben - endlich auch auf die Fans zu hören. Denn vor allem sie sind es, die am Ende begeistert sein müssen, um GEMEINSAM mit dem ÖFB in eine Zukunft zu gehen. 

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