Und wenn du nicht mehr weiter weißt...


Wenn man derzeit mit den heimischen Fußballfans spricht, bekommt man den Eindruck, dass man einerseits resigniert hat und andererseits dennoch eine leise Hoffnung hegt, dass sich jetzt vielleicht doch endlich etwas ändert. "Wir wissen ja eh, wie der ÖFB und seine Landespräsidenten sind, aber bitte, wenigstens ein bisserl Einsicht", formulierte es jüngst ein ehemaliger Mitarbeiter des Verbandes. Klingt nach Verzweiflung und ist es wohl auch. Die Führung des heimischen Fußballbundes ist nicht gerade für ihre Transparenz bei wichtigen Entscheidungen bekannt. Dass dies auf absehbare Zeit wohl so bleiben wird, zeigte sich bei der Abschiedspressekonferenz von Franco Foda. Foda kanzelte Marc Janko, Florian Klein und Roman Mählich für die in ihrer Rolle als Experten für heimische Medien getätigten Aussagen öffentlich ab. Nichts weniger als das ist in deren Rolle die Aufgabenstellung. Reflexion, so wirkt es, scheint weder Foda's Ding, noch jenes des ÖFB zu sein. Dies wird untermalt durch seine Aussage, dass der ÖFB in der Vergangenheit "bisher immer die richtigen Entscheidungen getroffen" habe. Es zeigt sinnbildlich das Selbstverständnis eines Verbandes, in dem Opposition als eine Art Majestätsbeleidigung gesehen wird.

 

Eine Portion Meinungsfreiheit bitte

Bei allem Respekt vor Foda: Die Frage, ob er einen solchen Abgang nötig hatte, muss erlaubt sein. Dass Foda sich mit Kritik schwertut und sein Werk nicht gerne (jedenfalls durch Außenstehende) in Frage gestellt sieht, fällt nicht erst seit seiner Abschiedsrede auf. Es hätte ein versöhnlicher Ausklang einer durchaus ambivalenten Teamchefära werden können. So heizte der nunmehrige Ex-Nationaltrainer das ohnehin lodernde Feuer nur noch mehr an. Foda steht seine Meinung fraglos zu. Es steht ihm aber nicht zu, andere Meinungen abzudrehen oder als unzulässig negieren zu wollen. Letztlich ist es unerheblich, ob Foda mit der Kritik der Öffentlichkeit leben will oder kann. Es ist Teil seines Jobs, das muss er in seiner Rolle aushalten, sofern diese nicht unter der Gürtellinie daher kommt. Dies war bei Janko, Klein & Co jedoch nicht der Fall. Sie war sachlich und fundiert. Sein Umgang damit dagegen nicht. Foda nahm das persönlich, was seinem Amt nicht angemessen sein kann. Ein durchaus problematisches Medienverständnis.

 

Zweifellos hatte der frühere Sturm-Coach, darüber kann es keine Diskussion geben, den besten Punkteschnitt aller bisherigen Nationaltrainer. Er hatte aber auch das bisher wohl beste Personal zur Verfügung und das Leistungsniveau der Mehrzahl der Gegner war überschaubar. Wenn es dann mal gegen ein Team auf Augenhöhe um Punkte ging, schaute meist nur wenig Zählbares heraus: Es konnte gegen kein besser klassiertes Team ein Sieg errungen werden. Was Foda erreicht hat, war vielleicht nicht das Minimum dessen, was man unter den gegebenen Umständen verlangen kann. Aber viel weniger hätte es wohl auch nicht sein dürfen. Das sollte sich mit dem nächsten Teamchef tunlichst ändern.  

 

Stöger macht nicht blind, sondern nur die Augen 'gschwolln

Florian Klein warf in seinem Statement die Frage auf, ob der allseits hoch gehandelte Peter Stöger denn der richtige Mann für die Nachfolge des Deutsch-Steirers sei. Dass der frühere Austria-Meistermacher ein hoch qualifizierter Mann mit großer menschlicher Stärke und jeder Menge Erfahrung ist, darüber besteht kein Zweifel. Nur erstens greift diese Diskussion zu kurz, weil die Thematik viel mehr Tiefgang hat. Ein Teamchefwechsel ist nur Oberflächenkosmetik. Dem Verband fehlt die Idee dafür, welchen Fußball man spielen will. Zweitens, um die Aussage von Klein konkret aufzugreifen, ist fraglich, ob Stögers Trainerphilosophie zum vorhandenen Spielermaterial passt. Das bedeutet also, dass es zunächst darum gehen muss, eine stringente Philosophie zu erarbeiten, die man anschließend implementieren will. Langfristig denken, statt kurzfristig handeln. Erst dann ist es angebracht, sich Gedanken über Personalien auf der Trainerbank des ÖFB-Teams zu machen. So offensichtlich Kandidat Stöger als "Electio Primus" für das ÖFB-Präsidium auch sein mag: Es kann nicht zielführend sein, deswegen die Augen vor kreativen Lösungen zu verschließen und voll auf die Karte Stöger zu setzen, "nur" weil dieser erfahren, leistbar sowie zu haben ist und in der Vergangenheit nachweislich erfolgreich war. Keine Frage, all das spricht dafür, nur der wichtigste und entscheidende Punkt bleibt: Der Teamchef muss zum Team passen, nur dann macht es Sinn. Und ohne vorher eine fußballerische Identität zu entwickeln, kann man wohl nur schwerlich den Optimalkandidaten küren. Das wird auch Peter Stöger bewusst sein. So sehr er dieses Amt womöglich ersehnt, wäre es wohl klug, sich selbst die Frage zu stellen, ob er dem Team in seiner Entwicklung wirklich bestmöglich weiterhelfen kann. Der Wiener ist fraglos schlau genug, um dies für sich entsprechend abzuwägen.

 

"Und wenn du nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis", lautet ein viel zitiertes Sprichwort. Dazu müssten sich die Landespräsidenten jedoch zunächst einmal eingestehen, dass ihr fachlicher Horizont tatsächlich beschränkt ist. Würde man zu solch einer Maßnahme greifen, wäre dies jedoch ein öffentliches Eingeständnis. Das brächte für die ÖFB-Granden jedoch (aus deren Sicht) zwei fundamentale Nachteile mit sich: Erstens könnte Sportdirektor Peter Schöttel nicht mehr als "Schutzschild" herhalten, da ein solches Fachgremium die Zustimmung des Präsidiums zwingend erfordert. Zweitens würden sie damit ein Stück Macht abgeben, wo ihnen diese doch offenbar so lieb ist. Also (leider) ein eher unwahrscheinliches Szenario. Derzeit zeigt sich nämlich (jedenfalls nach außen hin) noch viel zu wenig Bereitschaft oder ein bedeutendes Signal, dass man sich in der ÖFB-Führung der Problematik bewusst ist. Oberösterreichs Landespräsident Gerhard Götschhofer tat im Interview mit den OÖ-Nachrichten einen ersten und gleichzeitig überraschenden Schritt: Er stellte die Fachkompetenz des Präsidiums, dem er selbst angehört, in Frage. "Es wäre zeitgemäß, dass die Wahl des Teamchefs nicht mehr durch uns erfolgt", so der ÖFB-Vizepräsident. Bleibt zu hoffen, dass sich derlei Stimmen innerhalb der Entscheiderriege mehren. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolfgang Kaiser (Freitag, 01 April 2022 02:02)

    Die Entscheidungen, im ÖFB uns seinen Gremien werden seit 80 Jahren nach Befindlichkeiten der Landesfürsten getroffen.
    Hier sollte schon für den Bereich A und alle darunter liegenden N. TEAM, S ein Profi Team (System Entwickler, Trainer, Wissenschaftler, Medizin und Sportphysiologen) Das muss abgekoppelt sein vom Rest des ÖFB bei diesem Rest hätten die Landesfürsten noch mehr als genug zu tun.
    Mit dieser Abkopplung könnte dieses Team auch frei von Einflüssen arbeiten.
    Ja daher zuerst gehören rasch die Strukturen geändert, dann muss festgelegt wohin sollte der Weg führen und noch wichtiger das wie und wenn das alles klar ist sollte man sich Gedanken machen wer am besten zu diesen System passt.
    Der Trainer sollte dann entscheiden welche Spieler am besten zu diesem System /Weg passen.
    Wir haben so viele gute Spieler wie noch nie und es kommen so viele nach, daher sollte es kein Problem sein die richtigen zu finden.

  • #2

    René Mersol (Freitag, 01 April 2022 02:41)

    Ich habe mir genau dazu vor einigen Jahren bereits konkret Gedanken gemacht - damals nach dem Abgang von Marcel Koller. Hier nachzulesen: https://www.12termann.at/oefb/die-teamchefs-der-zukunft-aufgebaut-aus-den-eigenen-reihen/