"Gut, dass das System reingewaschen wird"

Seit Sommer 2019 ist Robert Weinstabl Chefcoach beim Wiener Sportclub. Der 36-Jährige trainierte zuvor bereits den ehemaligen Regionalligisten Sollenau, war anschließend Co-Trainer beim FAC und führte 2018 den SKU Amstetten in die zweite Liga. 

 

In unserem Gespräch erzählte Weinstabl darüber, wie er die Zeit im unverhofften "Home Office" nutzt, welche Auswirkungen die Krise auf seinen Verein haben könnte und wieso er nicht an einen Kollpas des Fußballs glaubt.

 

Das Coronavirus hat uns Fest im Griff. Wir geht ihr beim Sportclub mit der Situation um?

 

R. Weinstabl: Seit letzten Donnerstag halten sich unsere Spieler mit einen Heimprogramm fit. Ich bin mit den Jungs laufend via WhatsApp im Austausch. Es steht jetzt einmal die Gesundheit im Vordergrund, wenn wir jetzt diszipliniert bleiben können wir hoffentlich bald wieder auf den Trainingsplatz zurückkehren.

 

Welche Auswirkungen wird die derzeitige Situation auf den Verein haben?

 

Das kann man zum aktuellen Zeitpunkt schwer beurteilen. Wir haben hier beim Wiener Sportclub ein großartiges Fanpotential und im Schnitt 1.500 Zuseher pro Spiel. Ich denke da ist es selbsterklärend, dass die wirtschaftlichen Folgen für den Verein nicht einfach wegzustecken sein werden.

 

Glaubst du, dass die aktuelle Saison zu Ende gespielt werden kann?

 

Dass kann ich mir aufgrund der aktuellen Lage nur schwer vorstellen. Ich denke wir werden, wenn überhaupt, erst in einigen Wochen wieder den normalen Trainingsbetrieb aufnehmen können - so realistisch muss man sein. Vielleicht sind individuelle Trainingseinheiten in Kleingruppen schon etwas früher möglich. Auch unser Mannschaftarzt Dr. Hoffmann, mit dem ich mich regelmäßig über die medizinische Situation austausche, sieht eine baldige Fortsetzung der Meisterschaft eher skeptisch.

 

Welches Szenario würdest du bevorzugen?

 

Meine bevorzugte Variante wäre, dass es im Falle eines Saisonabbruchs keinen Absteiger gibt, denn ich glaube das würde sich auch rechtlich nicht so einfach darstellen lassen. Da hätten wir ein ähnlich rechtliches Szenario wie im letzten Jahr zwischen St. Pölten und Wiener Neustadt. Die Herbstmeister sollten aufsteigen und die Ligen dadurch aufgestockt werden. In der Saison 2020/2021 würde es dann eben mehr Absteiger geben. Wir sind in einer Ausnahmesituation, da erfordert es besondere Maßnahmen. Aber letztlich wird man sehen, wie sich das ganze Szenario dann auch terminlich koordinieren lässt.

 

Gab es diesbezüglich vom Verband bereits Überlegungen, die euch kommuniziert wurden?

Nein und ich gehe davon aus, dass man jetzt einmal die Entwicklung bis Ostern abwarten wird.

  

Was denkst du wird die aktuelle Situation mit dem Fußball in Österreich machen? Speziell kleinere Vereine könnte es hart treffen.

 

Ich glaube die wirtschaftliche Lage wird sich auch auf die Vereine niederschlagen. Denn viele Sponsoren sind Unternehmen, sie haben Arbeitsplätze zu verantworten und werden umdenken müssen. Wenn wir diese Krise alle gut überstanden habe, darf man nicht vergessen, dass der Fußball auch einen wichtigen Stellenwert für unsere Gesellschaft hat und es hoffentlich die nötige finanzielle Unterstützung für die Vereine von den Verbänden geben wird.

 

Nicht nur Vereine fürchten um ihre Existenz, auch viele Spieler stehen derzeit vor einer ungewissen Zukunft. Droht dem Fußball gar ein Kollaps?

 

An einen Kollaps glaube ich nicht. Aber es werden wohl viele Vereine aufgrund der wirtschaftlichen Situation umdenken müssen. Wobei, wenn ich mitbekomme welche Summen teilweise im Amateurbereich bezahlt werden, dann ist es vielleicht mal ganz gut, dass dieses System einmal „reingewaschen“ wird.

 

Auch du bist im Moment zum „Home-Office“ verdammt - wie nützt du die Zeit?

 

Als Trainer hat man da auch im normalen Trainingsalltag abseits des Trainingsplatzes immer etwas zu tun. Aktuell gilt es die Heimprogramme laufend zu kontrollieren und zu adaptieren. Zudem versuche ich auch mit individuellen Videosequenzen den Jungs im taktischen Bereich immer wieder ein paar Inputs zukommen zu lassen. Zudem muss man sich als Trainer ohnehin auch immer mit diversen Planungen auseinandersetzen, wie zum Beispiel Trainingsplanungen oder Transferplanungen. Die restliche Zeit kümmere ich mich um meine Familie, da gibt es immer etwas zu tun.

 

Lass uns über deine Trainerkarriere sprechen: Du bist vor Kurzem offiziell in den Pro-Lizenz-Kurs aufgenommen worden. Klingt ganz danach, als hättest du hohe Ziele. Wo soll es mittel- und langfristig für dich hingehen?

 

Meine vorrangigen Ziele langen immer darin, mich weiterzuentwickeln. Mir geht es auch darum, für meine Spieler, sei es jetzt in sozialer- oder in fachlicher Kompetenz, laufend ein besserer Trainer zu werden. Die Teilnahme an der höchsten Trainerausbildung, dem UEFA-Pro-Diplom, gibt mir jetzt die Möglichkeit, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Die neuen Aufnahmekriterien und vor allem der Assessment-Test zu diesem Kurs waren sehr herausfordernd, doch nun warten 18 superinteressante Monate, um zu lernen. Wohin die Reise mittel- oder langfristig geht wird sich zeigen, jetzt liegt mein voller Fokus einmal auf der Trainerausbildung.

 

Meistens wird der Trainer als Vater des Erfolges, aber auch des Misserfolges dargestellt. Wie viel Einfluss hat man als Trainer wirklich auf die Mannschaft? Also wo beginnt er für dich und wo ist die Grenze?

 

Den größten Einfluss als Trainer hat man auf die Art und Weise wie man mit seinem Team Fußball spielen möchte. Denn die Spielphilosophie erarbeitet man sich mit den Jungs im laufenden Training und darauf hat man als Coach direkten Einfluss. Ich versuche dabei aber auch immer auf die Fähigkeiten meiner Mannschaft einzugehen und meinen Spielstil an die Qualitäten meiner Spieler anzupassen. Im Spiel selbst geht es dann schon auch darum, wie die Spieler Spielsituationen individuell umsetzten. Eine genaue Grenze zu definieren ist schwer und sicher auch von Mannschaft zu Mannschaft verschieden.

 

Die Cheftrainer haben meist noch einen großen Staff um sich. Wie stehst du zum Thema Kompetenzverteilung - machst du gerne viel selbst? Wenn ja, was? Welche Tätigkeiten oder Aufgabenbereiche delegierst du lieber?

 

Wir teilen uns im Betreuerteam die Arbeitsbereiche sehr strukturiert auf. Mit meinem Co-Trainer teile ich mir die taktischen Trainingsschwerpunkte auf, unser Tormanntrainer arbeitet individuell mit den Torhütern und mein Fitnesstrainer übernimmt die konditionellen Trainingsinhalte und arbeitet zusätzlich mit einem eigenen GPS-Trackersystem die konditionellen Trainings- und Spielwerte aus. Da ich auch auf Videoanalysen großen Wert lege, haben wir einen eigenen Analysten, der sich mit der Eigen- und Gegneranalyse detailliert auseinandersetzt. Auch medizinisch sind wir gut aufgestellt. Neben unseren Mannschaftsarzt kümmern sich drei Physiotherapeuten um unsere rekonvaleszenten Spieler. In der Hinsicht sind wir sehr gut aufgestellt und arbeiten sehr gut zusammen. Am Ende laufen die Drähte immer bei mir zusammen, da ich auch die Letztverantwortung habe. Ich bin aber kein Alleinherrscher, es ist mir wichtig auf die Meinung des Staffs zu hören, denn wenn jeder im Team unsere gemeinsame Entscheidung mitträgt, fühlt er sich auch wertgeschätzt.

 

Abschließend: Was wünscht du dir für die nächsten Wochen und Monate?

 

Das allerwichtigste ist jetzt die Gesundheit für uns alle. Ich bin guter Dinge, dass wir es gemeinsam schaffen, bald wieder unserem normalen Lebensalltag, ohne jegliche Einschränkungen führen zu können. Rein sportlich wünsche ich mir im Moment nichts mehr, als bald wieder mit meiner Mannschaft auf dem Platz zu stehen. 

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