"Ihr mit eurer Mentalitätsscheiße"

Bild: Pixabay/geralt


Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn man Fußballer selbst entscheiden lässt, ob sie die Dienste des Konditionstrainers in Anspruch nehmen wollen oder nicht. Jeder Fußballexperte würde laut aufschreien und sich an den Kopf greifen. Undenkbar in der heutigen Zeit, wo der Fußball immer schneller und kampfbetonter wird und die körperliche Leistungsfähigkeit eine Grundvoraussetzung ist.

 

Wenn sich allerdings Trainer und Vereinsverantwortliche zum Thema Mentaltraining zu Wort melden, dann hört man noch sehr oft die Aussage: „Wir können die Spieler ja nicht verpflichten zum Mentaltrainer zu gehen!“

 

Dabei wäre genau das ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zum Erfolg. Mentaltraining ist ein ebenso wichtiger Teil des großen Ganzen wie auch Kondition, Technik, Taktik, etc. Leider fristet die mentale Arbeit im Fußball aber noch ein Schattendasein. Oftmals wird sie gar geradezu verunglimpft.

 

Teams für Drucksituationen oft nicht gerüstet

 

Wir schreiben den 22.9.2019. Borussia Dortmund spielt bei Eintracht Frankfurt 2:2, der Ausgleich für das Team von Adi Hütter fällt kurz vor Schluss dank einem Eigentor von Thomas Delany. BVB-Kapitän Marco Reus steht nach Abpfiff beim Sky-Interview und lässt dort seinem Frust über den verpassten Sieg freien Lauf. Auf die Frage, ob man heute an der Mentalität gescheitert sei, reagiert Reus emotional. „Ihr immer mit eurer Mentalitätsscheiße“, platzt es aus ihm heraus. Spannend ist der Satz, den er unmittelbar danach anfügte: „Ja, wir haben uns dumm angestellt“. Im Prinzip gibt er sich die Antwort auf die Frage des Sky-Reporters selbst. Denn Reus machte noch weiter: „Das hat mit richtigem Defensivverhalten zu tun, dass man weiß, wenn man 2:1 führt, dass Frankfurt immer wieder zurückkommen kann. Da müssen wir die letzten fünf Minuten dann einfach besser gegenhalten.“  Das wirft die Frage auf, warum es im überwiegenden Teil der Spiele, in denen ein Team kurz vor Schluss mit einem Tor Vorsprung führt, dazu kommt, dass die führende Mannschaft unter Druck gerät. Der Kopf ist die Steuereinheit - und scheint genau für solche Situationen im Fußball oftmals nicht gerüstet.

 

 

Um nochmals zu Reus zurückzukommen: Freilich, der gute Mann war genervt, dass man hier zwei wichtige Punkte liegen gelassen hat. Noch dazu galt man zu jenem Zeitpunkt noch als großer Titelfavorit. Dennoch ließ er hier erkennbar durchblicken, wie er zum Thema Mentaltraining zu stehen scheint. Er ist zudem Spiegelbild der Auffassung, die bei den meisten Verantwortlichen im Fußball zu mentalem Training vorherrscht.

 

Ein anderes sehr gutes Beispiel dafür, wie sehr Mentaltraining im Fußball noch immer unterschätzt wird ist das berühmte „Finale dahoam“. Im Jahr 2012 wurde das Finale der Champions League in München ausgetragen. Tatsächlich schaffte es der FC Bayern bis ins Endspiel. Die Truppe von Trainerlegende Jupp Heynckes schien unverwundbar und galt als klarer Favorit. Dennoch scheiterte man am FC Chelsea. Was war das Problem? Motivationstrainer Christian Bischoff, einst mit 25 Jahren jüngster Profi-Basketballcoach der Welt, sieht die Gründe in seinem Buch Selbstvertrauen wie folgt: „Vom Vereinsvorsitzenden bis zum Mannschaftsarzt hatten sich alle beim FC Bayern immer nur bis ins Finale geträumt. Die geballte Vorstellungskraft hatte die Endspielteilnahme in allen Farben ausgemalt, nie aber den tatsächlichen Titelgewinn. Das ist ein beeindruckendes Beispiel für die Macht der Geschichten und Bilder – und ihre Grenzen. Glaube kann Berge versetzen. Du musst aber wissen, woran du glaubst.“

 

Der Kopf sitzt am Steuer 

 

Auch der Mentalcoach Wolfgang Seidl weiß, wovon er spricht. Er war Finisher bei der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii sowie Gewinner eines der härtesten Triathlon-Bewerbe der Welt, des AXTRI Extrem Triathlon in Norwegen. Heute arbeitet er als Mentalcoach und betreut Spitzensportler, wie die Boxweltmeisterin Eva Voraberger, Ironman-Sieger Michael Weiss und unzählige Fußballer auf ihrem Weg. Seidl fasst die vorherrschende Denke im Fußball so zusammen: „Man hört sehr oft Aussagen im Sinne von 'Konditionstraining ist Pflicht, Mentaltraining muss nicht unbedingt sein'. Bei solchen Aussagen stehen mir sämtliche Haare zu Berge. Fakt ist, der Kopf ist die Steuereinheit und dieser gehört genauso trainiert wie alle anderen Muskeln auch! Diese Ignoranz im Fußball erinnert mich an eine Aussage von Chris Anderson, Professor an der Cornell Universität mit dem Schwerpunkt Sportanalyst im Fußball“ Dieser sagte:  „Der Fußball klammert sich an Dogmen und Binsenweisheiten. Der Sport wird von Männern bestimmt, die ihre Kompetenzen nicht gerne von Außenseitern in Frage stellen lassen wollen. Von Männern die sich sicher sind, dass ihre Sicht der Dinge die einzig wahre auf das Spiel ist. Sie wollen sich nichts sagen lassen, dass sie etwas übersehen haben. Dass es ein Wissen gibt, das ihnen fremd ist.“

 

Seidl will aufklären, das Mentaltraining ins rechte Licht rücken: „Viele haben beim Thema Mentaltraining noch immer ein falsches Bild im Kopf. Sie glauben, der Athlet liegt ähnlich wie bei einem Psychologen auf der Couch und lässt sich durch seine Worte berieseln. Nein, bei einem professionellen Mentalcoaching wird zusammen mit dem Fußballer an seiner mentalen Leistungsfähigkeit gearbeitet. Das heißt, der Coach unterstützt den Athleten, seine mentalen Fertigkeiten zu optimieren, damit er im Match sein gesamtes Potential optimal nutzen kann.“ Nicht anders, als beim Taktik-, Technik- oder Konditionstraining auch. „So wie Physiotherapeuten beim Sportler muskuläre Dysbalancen ausgleichen, arbeitet der Mentalcoach mit dem Spieler daran, seine mentalen Schwächen zu reduzieren und seine Stärken zu stabilisieren“, führt Seidl weiter aus. Das heißt, mentales Training ist ein wichtiges Instrument zur Leistungssteigerung jedes einzelnen Spielers und schlussendlich der gesamten Mannschaft.

 

 

Ralf Rangnick äußerte sich vor kurzem in einem Interview, wo er sagte, dass er die größte Entwicklungsmöglichkeit im Fußball auf kognitiver Ebene sieht. Im athletischen Bereich gehe es lediglich um marginale Fortschritte. Viel wichtiger sei es, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen und präzise zu agieren.

 

Es gibt unzählig viele Bereiche und Einflüsse, wo Spieler und Mannschaften im mentalen Bereich ansetzen können, um ihre Leistung zu steigern. Da die mentale Arbeit ein stetiger Prozess ist und Vorlaufzeit benötigt, ist eine präventive Vorgehensweise zu empfehlen. Nicht erst dann, wenn mentale Probleme auftreten sollte man beginnen, sondern schon vorbeugend. Doch auch hier stoßen wir generell auf ein sozial-gesellschaftliches Problem. Die medizinische, pflegerische und therapeutische Behandlung ist zum größten Teil darauf ausgelegt, bereits entstandene Schäden wieder zu beseitigen, anstatt das Problem von vornherein zu verhindern. Seidl betont: „Das gilt auch in der Nachwuchsarbeit, wo viel mehr Aufmerksamkeit für die mentale Arbeit notwendig ist.“

 

Professionell arbeitende Vereine, wie in Österreich Red Bull Salzburg oder die Damen-Nationalmannschaft unter Dominik Thalhammer haben das schon längst erkannt und nutzen die mentale Komponente effizient aus. Die Erfolge geben ihnen Recht.

 

Mentale Stärke ist erlernbar

 

Jeder kann seine mentalen Fähigkeiten entwickeln und ausbauen, wenn er will. Es ist an der Zeit, dass Vereine und Spieler neue Wege gehen und sich intensiv Gedanken über die Möglichkeit einer mentalen Leistungssteigerung machen.

 

Wenn auch Ihr Eure mentalen Fähigkeiten trainieren wollt, so möchte ich Euch Wolfgang Seidl wärmstens ans Herz legen. Dies nicht, weil ich dafür eine Provision erhalte (schön wär's). Nein, ich arbeite selbst mit ihm - und dank ihm weiß ich, was möglich ist. Nichts ist unerreichbar, solange es denkbar ist. Hier kommt ihr zu Wolfgangs Website mana4you.at.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer,

René Mersol

Kommentar schreiben

Kommentare: 0