Christian Streich: Der Besondere


Stellt euch vor, ihr seid Trainer einer Fußballmannschaft und der Kapitän des gegnerischen Teams läuft auf euch zu und räumt euch mit vollem Karacho ab. Wie würdet ihr reagieren? Nun, es wäre jedenfalls höchst menschlich aufzustehen und es dem Herrn Kapitän heimzuzahlen. Oder ihm zumindest zahlreiche heiße Worte entgegen zu brüllen. Nicht so Christian Streich. Dieser Mann ist ein Unikat, ein Novum. Eine Ausnahme im großteils so oberflächlichen Fußballgeschäft. Viel wurde über diese Szene geschrieben, gesprochen und gezeigt. Ein Aspekt, der besonders bemerkenswert ist, ging dabei jedoch fast unter: Die Reaktion dieses besonderen Mannes. Streich brauchte nach der Attacke nur Sekunden, um sich kurz zu sammeln, sprang danach auf und versuchte mit aller Macht, die Meute zu beruhigen. Das war für mich das am allermeisten Unfassbare an dieser Situation. Nur um kurz mal das andere Extrem zu beleuchten: Wie hätte wohl Werner Lorant reagiert? Wohl eher mit, nennen wir es so, brachialeren Mitteln.

 

 

Und Streich? Der meinte direkte nach dem Spiel in die TV-Mikrofone: "Er (Abraham, Anm.) war so aufgeladen, da sind ihm halt die Sicherungen durchgebrannt, weil er das Spiel gewinnen wollte. Das ist alles." Noch im Kabinentrakt reichten sich beide die Hand und umarmten sich. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel machte der Freiburg-Coach klar, dass er Abraham bereits verziehen hatte: "Ich bin kein sonderlich nachtragender Mensch. Er ist zu mir gekommen, hat sich entschuldigt - und das Thema ist erledigt." Und mehr noch, Streich nahm den Frankfurter Spielführer sogar in Schutz. Abraham sei "kein böser Mensch, er ist ein netter Kerl, aber nur nicht auf dem Kickplatz." Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass diese Reaktion absolut bemerkenswert ist. 

Diese Situation, in all ihren Facetten ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie außergewöhnlich dieser Christian Streich ist. Der gebürtige Weiler, (Weil am Rhein, eine kleine Stadt im südwestlichen Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Frankreich), verbrachte seine gesamte Trainerkarriere beim SC Freiburg. Streich, der in seinem Zivilberuf als Lehrer tätig war, ist dafür bekannt auch und sehr ausgiebig über den Tellerrand zu blicken. Und dies nicht nur in fußballerischer Hinsicht - der 54-Jährige macht sich genauso seine Gedanken zu Themen außerhalb des Paralleluniversums Fußball. 

 

Ich könnte, und da geht es wohl nicht nur mir so, diesem Mann stunden- wenn nicht tagelang zuhören. Weil er einen Blick auf die Welt hat, der weit über den eines 0815-Trainers, ohne dies jetzt despektierlich zu meinen, hinausgeht. Er bedient sich keinen vorformulierten Floskeln der Medienabteilung, er spricht immer in seinen Worten. Doch was sind schon Worte? Wie wir wissen, werden nur 7 Prozent dessen, was wir ausdrücken, durch Worte übermittelt. Die restlichen 93 Prozent machen Mimik, Gestik, Haltung, Stimme, Körpersprache - kurz die nonverbale Kommunikation -  aus. Christian Streich ist ein Role-Model dafür. Bei seinen Interviews unterlegt er das Gesprochene mit ausdrucksstarken Gesten, Betonungen und Gesichtsausdrücken. Und zwar nicht bewusst, wie dies beispielsweise Politiker tun, sondern ganz selbstverständlich in seiner besonderen Art. Ein Beispiel:

 

"Können die ganze Welt zu uns holen"

 

Regelmäßig nimmt Streich auch zu Sachverhalten aus anderen Bereichen Stellung. Immer straight, immer ehrlich und vor allem authentisch. Im Sky-Interview im vergangenen Frühjahr übte Streich Kritik an der Gesellschaft. Vielfach wird jungen Kickern heute vorgeworfen, jene Privilgien, die sie genießen, nicht mehr zu schätzen. Streich machte klar, dass dies nicht alleine die Verantwortung der aktuellen Spielergeneration sei. "Heutzutage sind sie ja alle verwöhnt. Ja wer hat sie denn verwöhnt? Wer kauft ihnen die Smartphones? Wer kauft ihnen das Auto, wenn sie 18 Jahre alt werden? Ja das sind doch nicht die Kinder", rügt der Deutsche die Eltern-Generation. "Die Welt die jetzt ist, die machen wir. Die 50-Jährigen und 40-Jährigen, nicht die Kinder. Die Kinder sind in diese Welt hineingeboren worden”. Er ist auch bekannt dafür, eine Art Vaterfigur für seine Spieler zu sein. Diese Eigenschaft erklärt unter anderem auch, warum er nach acht Jahren als Freiburg-Coach noch immer Lust auf seinen Job hat. Er mache weiter, weil "wir hier im Verein die ganze Welt zu uns holen können. Wenn ich früher mit Admir Mehmedi geredet habe, der jetzt bei Wolfsburg spielt, oder jetzt mit Amir Abrashi rede, weiß ich anschließend mehr über Albanien oder Mazedonien, und er weiß mehr von mir. Ich könnte Ihnen hunderte von Geschichten erzählen – von Spielern, die Flüchtlinge waren, keiner hat auf sie gewartet." Streich zeichnet aus, dass er die Fähigkeit hat, Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind.

 

Um einen besseren Eindruck davon zu bekommen, wie Streich ist, lebt und denkt, sei euch diese Pressekonferenz vom Sommer 2017 ans Herz gelegt, in der er den Wechsel von Neymar zu PSG zum Anlass für einen Appell an die Gesellschaft nimmt:

 

 

"So muss es laufen"

 

Streich brennt für seinen Job, auch wenn ihm bewusst sei, dass er "natürlich ausbrenne. Aber wir alle brennen bei diesem Job aus. Vielleicht haut's mich mal von der Bank. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Job noch machen möchte. Und dann mach ich doch weiter. Obwohl es mich enorm viel Kraft kostet, mentale Kraft, körperliche Kraft, psychische Kraft. Wenn ich heimkomme, fehlt mir diese Kraft. Du musst schauen, dass du nicht zu sehr deformiert wirst." 

 

Kein Wunder, wenn man bedenkt wie impulsiv der 54-Jährige bei den Spielen seines Teams ist. Im Interview mit dem Stern wurde Streich im Sommer 2018 auf eine Spielsituation wie folgt angesprochen: "Beim Spiel neulich gegen Schalke hatte man das Gefühl, Sie wollten dem Schiedsrichter an den Kragen gehen, Sie stürmten los, drei Leute hielten Sie gerade noch mit aller Kraft zurück." Doch Streich steht dazu wie kein Anderer: "Schalke war eine Ausnahmesituation. Ich schäme mich dafür, wie man sich für etwas nur schämen kann." Kaum ein Trainer würde dies öffentlich zugeben und davor kann ich nur meinen imaginären Hut ziehen. Christian Streich, der emotional so nach Außen gewandt ist und oftmals so unkontrolliert wild wirkt, wenn er an der Seitenlinie zu Veitstänzen ansetzt - er wirkt gleichzeitig so im Klaren mit sich selbst. Was er tut, das tut er aus Überzeugung und Leidenschaft. Jedes Wort und jede Tat von ihm erwecken den Eindruck, als könnte er gar nicht anders. Was ihn auszeichnet, ist die Fähigkeit, Menschen so sein zu lassen, wie sie sind und gleichzeitig jedem seinen ureigenen Wert zuzugestehen - und das begeistert. Fans, Medien, Spieler und Kollegen, kaum einer der Streich nicht schon einmal dafür gelobt hat. Er begegnet seinen Mitmenschen stets auf Augenhöhe, sagt was er sich denkt und behandelt jeden mit Respekt. "Wenn bei uns der Busfahrer nicht das Gefühl hätte, dass er total wichtig ist, weil er nach dem Busfahren noch das Spiel der Jugendmannschaft filmt....so muss es laufen. Alle müssen mehrere Sachen schaffen. Dann entsteht Identifikation. Dann hat man das Selbstwertgefühl, dann hat man das Gefühl 'ich bin voll dabei und gehöre dazu'. Dann hat man Bock zu arbeiten", meinte der Deutsche einmal, angesprochen auf den besonderen Zusammenhalt in Freiburg.

 

Wechselt Streich nochmal den Club?

 

Dass Streich irgendwann einmal ein anderes Team als Freiburg trainieren wird, ist zwar nicht auszuschließen, aber dennoch unwahrscheinlich. Er ist tief in seiner Heimat und dem SC Freiburg verwurzelt, ist seit mittlerweile fast 25 Jahren in verschiedenen Funktionen beim Verein. Bereits im Jahr 2013 versuchte Schalke, den "Mr. Freiburg" zu sich zu locken - vergebens. Nach kurzen Gesprächen war klar: Streich wird den Breisgau unter keinen Umständen verlassen. Im Sommer 2018 galt er als Kandidat für die Nachfolge des legendären Jupp Heynckes beim FC Bayern. Nahezu empört entgegnete der 54-Jährige, es könne nicht sein, dass "irgendwelche Leute Dinge behaupten, die erfunden sind". Die ganze Geschichte sei "Schall und Rauch".

 

Sein Ex-Schützling Admir Mehmedi (jetzt  unter Oliver Glasner beim VfL Wolfsburg) meinte erst kürzlich: „Er könnte durchaus größere Klubs trainieren. Das Potenzial dazu hat er.“ Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass der Badener seinen SC Freiburg auf absehbare Zeit aus freien Stücken verlässt. 

 

Ich könnte mir den deutschen Fußball ohne Christian Streich durchaus vorstellen. Er wird seinen hohen internationalen Stellenwert behalten, ob mit oder ohne Streich. Er wird genauso spannend und interessant bleiben, wie er das vor Streich war und auch danach sein wird. Aber eine ganz besondere Facette, die eine so wunderbare Abwechslung zur Oberflächlichkeit des Business darstellt, würde fehlen. Und das möchte ich mir (noch) nicht vorstellen müssen.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer,

René Mersol

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