Verfrühte "EUROphorie"


Österreich besiegt Normazedonien mit 2:1 und fährt somit fix zur paneuropäischen EM 2020. So weit, so gut. Doch was drumherum passiert erfüllt mich einigermaßen mit Sorge. Ich war selbst live im Stadion mit dabei - im Fansektor, wie es sich gehört - und es kam wieder dieses Gefühl von 2015 in mir auf, von dem ich mich damals auch vereinnahmen ließ. Die Geschichte der EM 2016 und den Monaten und eigentlich Jahren danach hat mich aber gelehrt, genauer hinzusehen. Doch der Reihe nach.

 

Zwischen "Oje" und "Juchee"

 

Österreich wird die Gruppe G aller Voraussicht nach auf Platz zwei abschließen. In besagter Gruppe fanden sich neben dem heimischen Nationalteam bekanntlich Lettland, Israel, Nordmazedonien, Slowenien und Polen. Unterm Strich auf dem Papier sicher eine der "einfachsten" Gruppen dieser Quali. Alle Fans, Verantwortlichen und Experten waren sich vor deren Beginn allergrößtenteils einig, dass Platz zwei wohl das Mindeste ist, was als erreichbar angesehen werden kann. Am Ende muss man sagen, dass sich die Elf von Franco Foda diesen nach einem schauderhaften Auftakt auch souverän geholt hat.

 

Doch spätestens gestern wurde mir wieder eindringlich bewusst, wie Fußball-Österreich tickt. Noch vor gut einem Jahr überschlugen sich die Negativurteile über das ÖFB-Team, nun pflastern uns selbige Meinungsmacher mit beinahe lobhudelnden Schlussfolgerungen zu. Da wurde mir wieder klar, wie sehr in unserem Heimatland ein Meinungsspektrum zwischen "Oje" und "Juchee" nicht vorhanden ist. Die Kollegen von Laola 1 etwa schrieben von einem "ungefährdeten Sieg" bei dem das Nationalteam das Spiel "im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit [...] und auch in weiterer Folge im Griff" hatte. Die Redaktion von ORF Sport sah einen "souveränen, ungefährdeten 2:1-Heimerfolg". Auf krone.at war von einem "drückend überlegenen Gastgeber", der die letzten Zweifel bereits in der achten Minute (durch den Treffer von Alaba) "praktisch beseitigt" habe.

 

Nun stellte sich mir folgende Frage: Entweder sah ich das Spiel so sehr anders oder aber ich bin ob der 2016er-Erfahrungen etwas zu kritisch? Ich möchte nicht unbedingt verlangen, dass man die Gäste hätte in Grund und Boden spielen müssen. Der Sieg war verdient und hätte auch höher ausfallen können, keine Frage. Doch der Umgang der Medien, der Öffentlichkeit und die Aussagen der Fans im Stadion regen mich trotzdem zu gewisser Sorge an. Denn die Gäste waren aus Kontern immer wieder gefährlich - und das obwohl sie weit davon entfernt sind, ein Team zu sein, welches man als ernsthaften Konkurrenten ansehen könnte. Dass die Foda-Elf gestern einen letztlich "planmäßigen" Sieg einfahren konnte, ist meines Erachtens zwei wesentlichen Gründen geschuldet:

 

1. Der eigenen Abschlussschwäche:

 

Arnautovic (3x), Sabitzer und Hinteregger hätten den Sieg weitaus höher ausfallen lassen können, ließen ihre Möglichkeiten aber ungenutzt. Der teils verschwenderische Umgang mit Chancen ist speziell in den letzten Monaten wieder ein Thema geworden.

 

2. Der Unzulänglichkeit der Gäste:

 

Hier liegt für mich der größte "Hund" begraben. Keineswegs geht es mir darum, den Nordmazedoniern deren Qualität abzusprechen. Vielmehr hat mir das Spiel gezeigt, wie weit weg Österreich noch davon ist, bei einem Großereignis ein entscheidendes Wort mitreden zu können. Es gab - speziell zu Ende der ersten und Mitte der zweiten Hälfte - Phasen, wo die Gäste dem ÖFB-Team mehr oder weniger auf Augenhöhe begegneten und auch zu Chancen kamen. Nicht zuletzt Debütant Alexander Schlager war es zu verdanken, dass man hier keinen Gegentreffer hinnehmen musste. Es mag "nur" ein Gefühl sein, doch meine Intuition holte sich in den letzten Jahren einen ordentlichen Feinschliff. Dieses Gefühl sagte mir, dass die Partie bei einem Gegentreffer beim Stand von 1:0 mit einer nicht zu unterschätzenden Wahrscheinlichkeit in eine ganz andere Richtung abdriften hätte können. Ich wage es nicht, mir auszumalen, würde man sich in einem Spiel gegen Teams wie der Türkei, Tschechien oder Dänemark so verhalten. Gegen einen ganz Großen reicht ein derartiger Auftritt ohnehin nicht.  Der geschätzte Kollege Gerald Gossmann brachte es in seinem Facebook-Post auf den Punkt:

 

Hier fehlt es dem Team definitiv noch an Stabilität, taktischer Finesse und Kaltschnäuzigkeit. Vor allem Zweiteres darf man Teamchef Franco Foda als metaphorische Rute ins Fenster stellen. Eine Kritik an ihm, die nicht erst seit gestern präsent ist. Viel zu oft hat man bei ihm das Gefühl, er zwänge Spieler in ein taktisches Korsett, welches sie in der individuellen Entfaltung ihrer Stärken einengt. Ein prägendes Beispiel dafür ist etwa Marcel Sabitzer, der bei RB Leipzig regelmäßig zu den Besten zählt. Im ÖFB-Team zeigte er zuletzt zwar einige wirklich gute Leistungen, doch stets wirkte er durch die zahlreichen Aufgaben,  abseits seines "Kerngeschäfts", gehemmt. 

 

Dies sind jedoch Dinge, die durch die schlagzeilenorientierte Berichterstattung (und der dadurch einhergehenden Einflussnahme auf die öffentliche Meinungsbildung) von "Qualitätsmedien" wie Heute oder der Kronen Zeitung überlagert werden und es auch ob der Mentalität des heimischen Fußballvolks nicht in den öffentlichen Diskurs schaffen. Wir hören und sehen viel zu oft nur das, was wir wollen. Nicht, dass dies nicht zutiefst menschlich wäre. Es ist aber auch blauäugig und naiv. Nicht zuletzt deswegen, weil wir eigentlich seit 2016 schlauer sein müsste. Ich hoffe, wir haben dazugelernt. 

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer

 

René Mersol

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