Wen interessiert die Bundesliga?

In Österreich deklarieren sich gemäß einer aktuellen Studie von "Nielsen Sports" etwa 3,3 Millionen Menschen als Fußballinteressierte. Eine beachtliche Zahl an Personen, von denen sich jedoch nur rund 38.500 jedes Wochenende in den heimischen Stadien wiederfinden. Was sind die Gründe dafür? Holt man hier schon das Maximum heraus oder geht da noch mehr? Welche Maßnahmen sind sinnvoll? Um diese und weitere Fragen geht es in diesem Blogbeitrag.

Die Österreichische Bundesliga und ihr Image

 

"Unsere Liga kannst ja vergessen" - wir alle kennen diesen Satz und hören ihn in einer beinah schon selbstverständlichen Regelmäßigkeit. Mir stellt sich schon lange die Frage, woher diese weit verbreitete Meinung in der heimischen Fußballgesellschaft kommt.

 

Wer gerne genau hinhört oder in Foren aktiv ist, dem wird offenbar: Es hat zum einen wohl damit zu tun, dass Herr und Frau Österreicher gerne pauschalisieren. Es gibt nur gut oder schlecht, schwarz oder weiß, himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, man neigt tendenziell zu einer pessimistischen Haltung - zumindest was den Fußball betrifft. Denn im Allgemeinen sehen die Menschen in unserem Land der Zukunft derzeit eher positiv entgegen, wie die aktuelle Neujahrsumfrage beweist.

 

Sieht man sich beispielsweise die Zuschauerzahlen des Nationalteams an, kann man schon mal ins Grübeln kommen. Natürlich ist dies nicht eins zu eins auf die Liga umlegbar, es ist jedoch ein aussagekräftiges Indiz für die Mentalität der österreichischen Fußballfans. Spielt das Team erfolgreich, wie in der Ära Marcel Koller, ist das Happel-Oval sogar bei Spielen gegen Liechtenstein knallvoll. Geht es, wie zuletzt in einer weniger fruchtbaren Phase, in einem bedeutenderen Spiel gegen Bosnien oder Nordirland, so muss man seitens des ÖFB froh sein, wenn man 25.000 Karten an den Mann bringt.

 

Als ein weiterer Grund hat auch das Bosman-Urteil seinen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen. Diese richtungsweisende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) aus dem Jahr 1995 war dem Niveau der Bundesliga gewiss nicht zuträglich. Dennoch sehe ich hier eine positive Entwicklung, sieht man sich die erfolgreiche und vielversprechende Arbeit bei Red Bull Salzburg oder dem LASK an.

 

Steigender Komfort und steigende Konkurrenz

 

Ich erinnere mich zurück, als ich als "Bua" alles in mich aufsog, was irgendwie mit "meinen" Salzburger Violetten und den heimischen Ligen zu tun hatte. Damals waren die internationalen Lieblingsclubs- und Spieler der heutigen Jugend weit weg und schlichtweg nicht greifbar. Das Internet in Österreich war noch ein Luxusgut. Social Media, Sportnachrichten-Websites, DAZN oder Sky bzw. dessen Vorgänger Premiere - wo man immer und überall unmittelbaren Zugriff auf aktuelle News zu seinen Stars und deren Clubs hatte - schlummerten in unseren Breiten noch in Abrahams Wurstkessel. Schon allein deswegen war die heimische Liga die erste Wahl für uns junge Kerle. Unsere Stars hießen nicht Ronaldo, Messi und Neymar, sondern Vastic, Schöttel oder Pfeifenberger. So schlug ich jeden Morgen die Zeitung auf, um zu erfahren, was es in der heimischen Fußballszene an Neuigkeiten gibt.

 

Doch die Zeiten begannen sich spätestens in den frühen 2000ern zu ändern. Eine Entwicklung, welche die heimischen Vereine verschliefen, negierten oder verkannten. Der Fußball wurde zunehmend internationaler. Immer mehr wurden einem durch diverse neue Dienste -  wie jene, die ich weiter oben bereits erwähnt habe - die nationalen und internationalen Stars ins eigene Wohnzimmer geliefert. Da neigte dann auch ich dazu, bequem zu werden und den Fußball oftmals lieber auf der heimischen Couch bei einer Schale Popcorn zu konsumieren, denn im Stadion, wo man Wind und Wetter ausgesetzt ist.

 

Wenig später folgten dann, und dies ist ein Fakt der meines Erachtens häufig unterschätzt wird, die laufenden Finanzcrashs in der Bundesliga. Alles begann mit dem Zusammenbruch des FC Tirol, danach folgten der GAK und Sturm Graz. Dies verschmähte viele Fans und kostetet an der Basis viel Substanz. Weiters ging durch das vorübergehende Verschwinden dieser Traditionsvereine auch viel an überregionaler Bindung verloren.

Häufig liest man in diesem Zusammenhang auch davon, dass der Einstieg von Red Bull in Salzburg viele Zuschauer gekostet hätte. Das halte ich für einen Trugschluss. Natürlich wurde durch die "Verdosung" das Fanlager entzweit, wenn nicht gedrittelt. Auch hier fand an der Fanbasis, wenn auch aus anderem Grund, ein Erdbeben statt. Die Zuschauerzahlen dagegen bewegen sich in den letzten fünf Jahren auf einem ähnlichen Niveau wie in den erfolgreichen 90er-Jahren. Davor, von 2005 bis 2010, übersprang man sogar jedes Jahr die 12000er-Marke. 

 

Ist die Bundesliga besser als ihr Ruf?

 

"Ich denke, dass die Liga durchaus interessant und spannend ist, leider wird dies aktuell zu wenig honoriert", meint etwa Felix Kozubek, seines Zeichens Clubmanager bei Wacker Innsbruck, mit dem ich mich letztens zu diesem Thema unterhalten habe.

 

"Zudem sind wir in Innsbruck der Meinung, dass die Liga kein so schlechtes Niveau hat, wenn ich sehe, dass wir in der Fünfjahreswertung auf Platz zwölf stehen", so Kozubek, der weiter ausführt: "Natürlich hat Salzburg da die meisten Punkte geholt, aber das liegt sicher auch daran, dass sie in der Liga nicht nur gegen 'Sparring Partner' spielen, sondern auch da gefordert werden." Wahre Worte, mit denen ich weitestgehend d'accord gehe.

 

Ticketpreise als Hindernis?

 

Woran man arbeiten kann, sind definitiv die Kartenpreise. Dies sieht auch Ex-Amstetten-Coach Robert Weinstabl ähnlich. Seiner Meinung nach liege es daran, dass "die Eintrittspreise im Verhältnis zu dem, was dem Fan auf und um das Spielfeld geboten wird, schlichtweg zu hoch sind". Viele Teams würden aus Sicht der Fans (vor allem der neutralen) keinen attraktiven Fußball spielen, es würde in den Stadien "zu wenig sportliches Spektakel geboten", so Weinstabl.

 

Doch was kostet dem Fan ein Bundesligaspiel eigentlich? Das günstigste Ticket bietet der LASK zum Preis von 6 € an. Am hochpreisigsten ist Rapid Wien, wo man für ein Topspiel-Ticket bis zu 46 € bezahlt. Ich habe mir dies eingehend zu Gemüte geführt und von allen Clubs einen Mittelwert zwischen dem günstigsten und teuersten Kartensegment errechnet. Anschließend habe ich diese Mittelwerte addiert und durch die Anzahl der Vereine (12) dividiert. Dies ergibt einen Durchschnittspreis von 23,50 € für eine Bundesligapartie - beachtlich! Hier hat man also noch Spielraum um den Fans entweder durch einen höheren Eventcharakter oder durch günstigere Preisgestaltung einen Stadionbesuch schmackhaft zu machen. Nicht zuletzt gilt es, den Interessierten als Fan langfristig mittels emotionaler Bindung zu gewinnen. 

 

Fokus auf Identifikation

 

Natürlich kann die heimische Liga qualitativ im Vergleich mit den "Big Five" rund um Deutschland, Spanien, England, Frankreich und Italien nicht Schritt halten. Deswegen fokussieren sich die Clubs zunehmend auf die Identifikation mit dem Verein als Marke. Dies ist auch hinsichtlich der heranwachsenden Fan-Generation unerlässlich. In den letzten Jahren hatte ich mehrmals mit Volksschulkindern- und Klassen zu tun. Dabei stellte ich regelmäßig die Frage nach den Lieblingsclubs der Kids. Was ich zu hören bekam waren, erwartungsgemäß, die "Gassenhauer". Vereinten sich unter diesem Begriff zu meinen Zeiten noch Rapid Wien, die Wiener Austria, Sturm Graz oder Austria Salzburg, so hört man von Kindern und Jugendlichen heute Teams wie Real Madrid, Juventus Turin, PSG oder den FC Barcelona. Viele von ihnen folgen auch nicht mehr permanent einem Verein, sondern viel mehr einem Spieler. Am häufigsten werden hier natürlich die großen Stars wie Neymar, Messi und Ronaldo genannt. Wechselt dieser Spieler zu einem anderen Club, ziehen auch die jungen Fans nach.

 

Felix Kozubek von Wacker Innsbruck dazu: "Dafür werden und wurden auch zahlreiche Maßnahmen unsererseits getroffen. Wir haben vor 2 Jahren begonnen unser Marketing umzustellen und gehen in diesem Bereich einen neuen Weg. Tirol ist ja ein Bundesland mit sehr vielen Tälern und deswegen wollen wir die Menschen dort abholen, wo sie sind. Wir besuchen regelmäßig mit unseren Funktionären, Spielern und der Vereinsführung die Menschen in den Dörfern und Tälern und werben dort für den Verein, um sie aus den aus diesen Regionen in den Ballungsraum zu bringen. Wenn die Leute nicht zu uns kommen, wollen wir zu ihnen kommen", so Innsbrucks Clubmanager.

 

Der größte heimischen Fanmagnet heißt seit vielen Jahren bereits Rapid Wien. Dies ist zu einem großen Teil unstreitbar mit der großen Tradition der Grün-Weißen verbunden. Doch Tradition alleine bindet noch keine Menschen an einen Club. Wie schafft man es dort, die Fans derart an den Verein zu knüpfen? Auf meine Nachfrage erläuterte mir Rapid-Mediendirektor Peter Klinglmüller, man wolle ein "Verein zum Anfassen" sein.

 

"Wir verfügen über ein geschärftes Markenprofil, mit dem sich unsere Fans identifizieren können, und über eine große, loyale Community.", so der ehemalige Pressesprecher des ÖFB. "Rapid ist mehr als ein Fußballverein, es ist viel eher eine Leidenschaft und eine Familie, die zusammenhält." Ging man früher "nur" zu einem Fußballspiel, so macht man sich heute auf zu einem Event. Klinglmüller: "Deshalb ist das Stadionerlebnis ganz entscheidend, wenn es um die Aufmerksamkeit und das Interesse unserer Zuseher geht. Wir setzen hier verschiedene Aktivitäten um, damit wir unserem Anspruch, ein Verein zum Anfassen zu sein, gerecht werden. Beginnend bei Aktionen wie unserem Greenie-Tag oder dem Tag der offenen Tür über Führungen durch das Stadion und unser Vereinsmuseum Rapideum bis hin zu unseren Traditionen, die auch bei einem Rapid-Spiel gelebt werden - Stichwort Rapidviertelstunde. All das macht das Erlebnis Rapid so besonders und zieht so viele Menschen ins Allianz Stadion", erläutert der 45-Jährige.

 

Zudem verstehe sich der SK Rapid als "sehr offener und serviceorientierter Verein, der Dialog und Austausch mit unseren Fanklubs, Mitgliedern und Sympathisanten ist uns enorm wichtig und wird auf professioneller Basis gepflegt." Dass dies nicht nur seine Vorteile hat, beweist die immer wieder aufkeimende Fan-Problematik. Doch dies zu ergründen würde uns jetzt zu weit weg vom eigentlichen Thema führen. Kurz gesagt: Es bleibt dem heimischen Fußball diesbezüglich zu wünschen, dass man die Situation (nicht nur in Hütteldorf, sonder ganz generell) bald in den Griff bekommt. Denn nicht zuletzt deswegen wird auch die gesamte Liga für Familien relativ unattraktiv, da man vor allem bei den Großclubs die radikalen Teile der Fanlager nicht in den Griff bekommt. Es ist für die Eltern teils nicht verantwortbar, wenn man beispielsweise bei einem Wiener Derby sogar in den neutralen Sektoren Angst haben muss, von Bengalen getroffen zu werden. Zudem halte ich auch den Sprachgebrauch in den heimischen Arenen für bedenklich. Es ist durchwegs positiv zu bewerten, wenn Vereine Familiensektoren anbieten. Die "XY sind H****söhne" - Sprechchöre hören die Kids dort aber auch.

 

Der Schein trügt

 

Sieht man sich die Entwicklung der Zuschauerzahlen ab den 70er-Jahren an, so stellt man rasch fest, dass diese ab der Jahrtausendwende (mit einer Ausnahme, siehe Grafik unten) kontinuierlich über der Millionen-Grenze liegen. Vielmehr kamen auch früher nicht. Was das Bild der "Liga zum Vergessen" letztlich wirklich prägt, ist meiner Wahrnehmung zu Folge der Maßstab der hier angelegt wird. Im Verhältnis zu den 90er-Jahren, wo wir mit den Erfolgen von Austria Salzburg, Rapid und Sturm Graz in den internationalen Bewerben viele Highlights erleben durften, herrscht eine schwer erfüllbare Erwartungshaltung. Mit Ausnahme von Salzburg, wo man über viel weitreichendere Möglichkeiten verfügt, sollte der österreichische Fußballfan keine Wunderdinge erwarten. Wenn es Rapid, Sturm oder die Austria schaffen, immer wieder für Highlights zu sorgen, so darf man dies schon als Erfolg werten.

Statistik: Anzahl der Zuschauer in der Fußball-Bundesliga in Österreich von der Saison 1974/75 bis zur Saison 2017/18 | Statista
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Ja, das Niveau ist ob der eingangs erläuterten Gründe gesunken. Doch das bedeutet nicht, dass die Liga deswegen langweilig ist. Ganz sicher können die Clubs - wenn sie sich (wie es der LASK aktuell beispielhaft vorlebt) eine durchgängige und nachhaltige Philosophie zurechtgelegt haben - dieses Niveau wieder steigern, um international besser mithalten zu können. In Österreich mahlen die Mühlen langsam, doch auch die heimischen Vereine scheinen nun endlich zu erkennen, dass es nur über System, Struktur und langfristige Planung geht, der Aktionismus von gestern wird spät aber doch nach und nach zu Grabe getragen. Man trägt dieser Entwicklung nun Rechnung und das wird, so denke und hoffe ich, mittelfristig das Interesse an der Bundesliga hoch halten.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer

René Mersol

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