28.4.2002 - ein Tag in meinem Leh(b)en


Als Kind, welches in den 90ern aufgewachsen ist, warst du ja in aller Regel entweder Sturm-, Rapid- oder Austria Salzburg-Fan. Ich "entschied" mich damals (stark beeinflusst von meinem älteren Cousin) für letzteren Verein.

So genau kann ich mich daran nicht mehr erinnern, aber ich war gemäß den Aussagen meiner Eltern "so drei oder vier". Zudem soll, so erinnert sich jedenfalls mein Vater, das UEFA-Cup-Final-Rückspiel (was für ein Wort!) des Jahres 1994, das erste Fußballspiel gewesen sein, das ich bewusst verfolgt hätte. Und tatsächlich kann ich mich düster an den verzweifelten Aufschrei meines Vaters erinnern, als der Stangenpendler von Marquinho einfach nicht ins Netz fallen wollte. Ich habe den Verdacht, das trägt er dem Mailänder Rasen bis heute nach. Dahingehend ist meine Wahl auch für mich selbst durchaus nachvollziehbar. Bereut habe ich das natürlich nie, aber es machte mein Leben Anfang der 2000er (ausgenommen die Spielzeit 2003, als die Austria auf Rang drei landete und damit VOR Rapid und Sturm) rückblickend betrachtet nicht unbedingt einfacher. Vielmehr tut es mir Leid, dass es den Verein so nicht mehr gibt, aber das ist eine andere Geschichte, der ich mich womöglich an einem anderen Tag noch widmen werde.

 

Ein unvergesslicher Geburtstag

 

Wir schrieben den 28.4.2002. Ich bekam von meinem Taufpaten eine Reise ins altehrwürdige Stadion Lehen geschenkt - mein Geburtstagspräsent, das nicht besser hätte sein können. Was an diesem Tag passierte, wird mir mein Lebtag in Erinnerung bleiben!

 

Die Austria hatte Rapid Wien zu Gast. Schon bei der Anreise war ich vollkommen überdreht, da ich meine anno dazumal so geliebten Violetten endlich einmal live in ihrer Heimat bewundern konnte. Es war ein herrlich warmer Frühlingstag in der Mozartstadt. Vor dem Spiel fand am Stadion ein Torwandschießen statt. Ich machte mit und traf. Aber nicht die Torwand. Es erwischte den - meines Empfindens nach viel zu nah an der Torwand stehenden -  Moderator. Der arme Mann bekam, vom Überraschungsmoment völlig überrumpelt, unfreiwillig sein Mikro zwischen die Kauleisten geschoben. Das war mir natürlich wahnsinnig unangenehm und nicht zuletzt peinlich. Meine Mutter, die leider nichts von Fußball versteht und deshalb wenig Verständnis für meinen Fauxpas hatte, packte mich noch im selben Moment am Arm und schleifte mich zu ihm hin. Ich entschuldigte mich kleinlaut und mit zerknirschtem Gesicht. Er reagierte sehr verständnisvoll und offenbarte, dass er in seiner Freizeit Eishockey spiele und dort schon schlimmeres erlebt habe. "Wenn er einen Puck gewöhnt ist, dann hab' ich ja nochmal Glück gehabt", dachte ich und war froh nicht seinen Unmut auf mich gezogen zu haben. Meine Violetten sollten es später besser machen als ich.

 

Abgesehen von den Fotos mit Austria-Legenden wie Richard Kitzbichler, Heiko Laeßig, oder Roman Szweczyk war es, wie mein vielleicht schon erahnen mag, das Spiel, welches sich in meinen Erinnerungen eingebrannt hat. Ein Match, von dem ich noch heute gefühlt jede Sekunde gedanklich rekonstruieren kann. Sollte es Rapid-Fans unter meinen Lesern geben (davon gehe ich jetzt mal aus), dann ist es eine Überlegung wert, nun mit dem Lesen aufzuhören.

 

Prominent besetztes Rapid Wien mit schauderhafter Leistung

 

Die damals von Lothar Matthäus trainierte Startruppe (zumindest empfand ich das so) gastierte in der Mozartstadt. Aktuelle, bereits verblühende und aufstrebende Granden wie René Wagner, Andi Herzog, Helge Payer oder der blutjunge Andreas Ivanschitz fanden sich an jenem Tag in der Startelf der Grün-Weißen wieder. Eigentlich war mir vor dem Spiel ob des bisherigen Saisonverlaufs Angst und Bange - doch die Austria, welche damals noch die "echte" und damit "meine" Austria war, belehrte mich eines Besseren - UND WIE! Der legendäre Kapitän Heiko Laeßig erzielte bereits in Minute sechs nach einem herrlichen Spielzug das 1:0. Was für ein Jubel im bestenfalls halbvollen Lehener Stadion. Nur vier Minuten später legte Ewald Brenner nach - 2:0! Noch vor der Pause erhöhte der aufstrebende Alexander Schriebl auf eine Drei-Tore-Pausenführung. Ich konnte mein Glück kaum fassen und tanzte mit einem Dutzend anderer Kids hinter der Salzburger Bank auf und ab, was die Ersatzspieler rund um Andi Ibertsberger, Ernst Öbster oder Heinz Arzberger köstlich amüsierte.

 

Kulinarische Differenzen

 

In der Halbzeitpause gab's die vielleicht beste Käsekrainer, die ich jemals zu mir nehmen durfte. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater in unverhohlener Selbstsicherheit einen "Bugl" dazu bestellte - und einen verwirrten Blick der Dame hinter der Theke erntete. Für einen Moment beschlich mich die Angst, dass mein Vater nun eine kulinarische Diskussion vom Zaun brechen könnte. Er entschied sich dann aber kurzerhand für eine Semmel und wir schritten von dannen. "De hom ja wirklich ka Ahnung, wos ma zu an Eitrigen dazua isst", konstatierte mein Vater.

 

Dann begann die zweite Spielhälfte. Gut gesättigt von meinem Käsewürstl ging ich wieder auf meinem Sitzplatz in Mitfieber-Position. Rapid leistete sich auch in Hälfte zwei einen Lapsus nach dem anderen und so war es Ante Jazic, der Schriebl im Strafraum zu Fall brachte. Laeßig versenkte den fälligen Elfer zum 4:0. Sein deutscher Landsmann Thomas Sobotzik konnte zehn Minuten später den Ehrentreffer für die Hütteldorfer erzielen. Der Start in eine Aufholjagd war dies jedoch nicht - Kitzbichler und Brenner stellten nur Minuten danach den Endstand von 6:1 her. WOW! Ich war schlichtweg glückselig. Mein armer Taufpate nicht - denn der hielt es mit den Grün-Weißen, freute sich aber immerhin darüber, dass ich mich freute.

 

Eigentlich unvorstellbar, aber damals kletterten wir Kinder schon Minuten vor dem Abpfiff über die Werbebande und setzen uns neben die Salzburger Ersatzbank. Und niemand hinderte uns daran. Im Gegenteil - der Zeugwart (oder ein anderer Betreuer) kam zu uns und ließ uns von den mit isotonischen Getränken gefüllten Trinkflaschen der Spieler kosten. Gute, alte Zeit eben.

 

Es war einmal: Austria Salzburg und ein Stadion

 

Für einen Fußballromantiker wie mich leben solche Erfahrungen in Gedanken weiter und es fällt mir nach wie vor schwer zu glauben, dass es weder den Verein, noch das Stadion mehr gibt. Beinahe 17 Jahre sind seither vergangen und gefühlt war ich dazwischen "duschen und umziehen", wie Falco es ausdrücken würde. "Die Austria gibt's nicht mehr", so sprach's im Herbst 2005 mein sehr geschätzter, damaliger Trainer. "Und es kann sie auch nie mehr geben", fügte er später noch hinzu. Auch wenn ich es weiß, glauben werde ich es wohl nie.

 

Ich verneige mich und danke für Eure Aufmerksamkeit,

 

Euer

René Mersol

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